BAZ vom 25.1.2003

 

Der Forum-Gast

 

 

Richard Peter*

 

 

 

Ein ETH-Institut für Nanobiotechnologie
in Basel: Chance für eine realisierbare Vision


In seinem Artikel über das raketenhaft gestiegene Basler Volkseinkommen beschreibt Pierre Weill die entscheidende Rolle des Chemie-/Pharma-/Biotech-Clusters für das wirtschaftliche Wohlergehen unserer Region (BaZ Nr. 10). Es war wohl eine kluge Entscheidung unserer Regierung, in ihrem Leitbild für den Wirtschaftsstandort Basel Anfang der Neunzigerjahre dieser Branche erste Priorität zuzuweisen. Wo würden wir wohl heute stehen, wenn man nach Schweizerhalle dem Drängen linker und grüner Kreise nachgegeben und eine Strategie «weg von der Chemie» verfolgt hätte?

Die Rolle der Universität

Ein entscheidend wichtiger Erfolgsfaktor wird in diesem Artikel nicht angesprochen, nämlich die Rolle der Universität. Hier besteht sowohl Handlungsbedarf wie auch Handlungsmöglichkeiten. Es sei auf die bekannten Gründe hingewiesen, die Novartis bewogen haben, in Boston ein grosses Forschungszentrum aufzubauen. In welcher Richtung die Anstrengungen gehen müssten, lässt sich aus folgender Aussage eines Vertreters von Novartis ableiten: Die Forscher in und um Boston sind nicht besser als die hiesigen, sie sind nur viel zahlreicher. Die Antwort von Basel auf die Herausforderung Boston muss deshalb von der Universität Basel kommen. Höchste Priorität zu legen ist einerseits auf Exzellenz in den naturwissenschaftlichen Fächern und andererseits auf den Aufbau einer Kultur der interdisziplinären Zusammenarbeit, die auch die Kooperation mit Forschern der Industrie umfassen muss. In der Forschung ersetzt Masse nicht Klasse, und eine Organisation überschaubarer Grösse wie die Basler Universität bietet für interdisziplinäre Zusammenarbeit ideale Voraussetzungen.

Weltweit hohes Ansehen

Eine Chance, in dieser Richtung einen grossen Schritt vorwärts zu machen, liegt in der Initiative für ein ETH-Institut in Basel insbesondere dann, wenn als Fachthema für diese Institution die Nanobiotechnologie gewählt wird (siehe den Artikel von Thomas Müller in der BaZ Nr. 2). Ein Nukleus dazu wäre bereits vorhanden, ist es doch Professor Güntherodt gelungen, in Basel ein «Center of Excellence» in Nanotechnologie aufzubauen, das in diesem Fach weltweit hohes Ansehen geniesst und das in der «Champions League» der Nanowissenschaften ganz vorne mitspielt. Diese Gruppe hat Forschungsmittel des Bundes nach Basel geholt, sie arbeitet gut sowohl mit anderen Instituten in Basel, der Schweiz und dem Ausland zusammen, sie hat auch keinerlei Berührungsängste gegenüber der Fachhochschule in Muttenz und auch nicht gegenüber Forschern der Industrie und sie hat auch schon erfolgreich «Spin-offs» Richtung Instrumentenbau lanciert.

Entscheidende Impulse auf
die Life-Sciences

Von der Nanobiotechnologie werden entscheidende Impulse besonders auf die Life-Sciences erwartet, zeichnet sich doch die Möglichkeit ab, auf molekularem Level, Atom für Atom, grössere Strukturen aufzubauen, die fundamental neue Eigenschaften und Funktionen aufweisen werden. Weitere Einsatzgebiete mit hohem Potenzial für die Nanobiotechnologie sind beispielsweise auch die Medizintechnik oder auch die Diagnostik. Wegen dieser Aussichten stellt die Regierung der USA für das Jahr 2003 über eine Milliarde Franken für ihre «National Nanotechnology Initiative» (NNI) zur Verfügung! Diese Mittel fliessen teils direkt in Forschungsprojekte, teilweise werden sie aber auch für den Aufbau eines Netzwerkes eingesetzt. Die Nanobiotechnologie ist eine typische Querschnittstechnologie und spielt als solche in unterschiedlichsten Gebieten eine zunehmend wichtige Rolle. Sie ist deswegen besonders geeignet, den Aufbau von Netzwerken zu katalysieren. Gerade Forschungsprojekte in den Life-Sciences haben wegen ihrer oft sehr grossen Komplexität nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn Spezialisten unterschiedlichster Fachrichtungen eng zusammenarbeiten.

Neues Institut in einem
Wissenscampus

Ausgehend von diesem besonderen Potenzial für den Aufbau von Netzwerken könnte sich eine neue Sicht auf ein Basler ETH-Institut für Nanobiotechnologie eröffnen, nämlich die Vision des zentralen Knotens in einem Biotechnologie-Netzwerk, physisch lokalisiert als neues Institut in einem Wissenscampus im Geviert Spitalstrasse, Hebelstrasse, Klingelbergstrasse und St.-Johanns-Ring. Hier finden sich in unmittelbarer Nachbarschaft das Biozentrum, das Pharmazentrum, die Institute für Chemie und Physik sowie die Universitätskliniken. Räumliche Reserven für ein Institut für Nanobiotechnologie wären in diesem Areal mit dem alten Frauenspital und dem «Schällemätteli»-Gefängnis ausreichend vorhanden. Basler Stararchitekten könnten in ihre Konzeptionen für einen zentralen Neubau in einem Wissenscampus auch die breite Pestalozzistrasse einbeziehen, da diese verkehrstechnisch nicht unbedingt benötigt wird.

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben...

Mit Blick auf den im St. Johann entstehenden Wissenscampus von Novartis kann diese Vision zu einer bipolaren Achse erweitert werden, an deren einen Pol die Wissenschaftler der Universität Grundlagen schaffen und Kenntnisse gewinnen. Sie arbeiten im Netzwerk zusammen mit den am anderen Pol tätigen Forschern der Industrie. Für die Realisierung dieser Vision, die im Gegensatz zu anderen, früheren visionären Modellen für mögliche Entwicklungen unserer Region, wie beispielsweise die Medienstadt oder die Umweltstadt, auf vorhandenen Stärken aufbauen könnte, ist ein grosser Einsatz der Politiker und der Universität notwendig. Insbesondere wären auch unsere Partner im Nachbarkanton gefordert. Dieser Einsatz darf sich jedoch nicht in einem Gerangel um zusätzliche Finanzen oder um die freundliche Übergabe einiger Basler Forschungsgruppen an die ETH erschöpfen, eine Gefahr, die Thomas Müller in seinem BaZ-Artikel bereits beschrieben hat.
Wie man solche Entwicklungen erfolgreich in Gang setzt, konnte im Herbst 2001 anlässlich einer Bildungsreise nach USA des Vereins der Basler Ökonomen, organisiert von der BAK, am praktischen Beispiel studiert werden. An dieser Exkursion unter dem Titel «Die Rolle von Universität und Staat im Innovationsprozess am Beispiel der Boston Ära» nahmen keine Vertreter von offiziellen Stellen der Nordwestschweiz teil. Wie viele Interessierte aus der Region wären es wohl heute, nach dem Entscheid von Novartis, in Boston ein neues Forschungszentrum aufzubauen? Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Hoffentlich zeigen die Politiker nun rechtzeitig
eine grosszügige Investitionsbereitschaft und die Universität den Willen zu Exzellenz, zu Spitzenleistungen und zu intensiver Kooperation innerhalb der eigenen Organisation und mit der Wirtschaft, denn dann besteht eine echte Chance für die Realisierung einer Vision, die zu nachhaltigen wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Erfolgen in der Nordwestschweiz führen wird.

* Richard Peter-Probst, Dr. phil. II., geb. 1938, arbeitete bis 1988 in der Basler Chemie, war von 1988 bis 1993 als erster Basler Wirtschaftsförderer tätig und ist heute Mitglied verschiedener Verwaltungsräte.